1802 bis heute
Ein Hof, durch den das Leben zieht
Ein Hof ist die Summe aller, die auf ihm gelebt, gearbeitet, geritten und gefeiert haben. Über mehr als zweihundert Jahre sind viele Familien durch Gut Waitzrodt gezogen — jede hat etwas hinterlassen.
- 1802
Ein Landsitz auf gerodeter Heide
Gegründet wird Gut Waitzrodt von Friedrich Sigmund Waitz von Eschen, einem der mächtigsten Männer Hessens — sein Stadtpalais stand am Friedrichsplatz in Kassel. Er errichtet den Hof nicht als Bauerngut, sondern als repräsentativen Sommersitz, auf einer eigens gerodeten Heidefläche. Die Rodung gibt dem Ort seinen Namen: Waitz-rodt.
- um 1805
Stille nach dem Gründer
Der Gründer stirbt schon wenige Jahre später. Der Schwerpunkt der Familie wandert zum nahen Gut Winterbüren — und Waitzrodt wird für lange Zeit stiller.
- um 1880
Der große Ausbau
Ein Nachfahre — überliefert ist Roderich von Waitz — investiert kräftig. Bis heute stehen seine Initialen „RVW" an den Gebäuden, besonders am alten Kuhstall. In dieser Zeit wird Waitzrodt erstmals ein großer landwirtschaftlicher Betrieb.
- ab 1912
Die Familie Bräutigam und 250 Hektar
Der Hof wird an die Familie Bräutigam aus Immenhausen verpachtet. Unter ihr wächst Waitzrodt zu einem bedeutenden Betrieb mit über 250 Hektar, im Mittelpunkt die Viehwirtschaft. Um 1920 entstehen die weißen Wirtschaftsgebäude an der Einfahrt.
- 1930er–1945
Verwalter, Krieg, Landreform
Ab den frühen 1930ern führt die Familie Holt den Hof als Verwalter. Nach dem Krieg nimmt die Landreform rund 100 Hektar; auf den neuen Höfen siedeln unter anderem Familien aus Schlesien.
- ab 1960
Graf Finkenstein und tausend Schafe
Graf Finkenstein, ein außerordentlich erfolgreicher Landwirt, legt Waitzrodt und Winterbüren zusammen und stellt auf modernen Ackerbau um. Waitzrodt verliert seine Eigenständigkeit, wird Maschinen- und Lagerplatz — und Heimat einer Schafherde von über tausend Tieren.
- 1964
Ein leiser neuer Anfang: Ursula Schafft
Das Gut steht fast leer, als Ursula Schafft das verwaiste Gutshaus angeboten wird. Hinter dem ruhigen Namen steht eine Frau von bemerkenswertem Mut: 1914 geboren, hatte sie mit ihrem ersten Mann ein Gut in Schlesien bewirtschaftet, war nach seinem Tod im Krieg mit ihren Kindern und vier Pferden nach Nordhessen geflohen und hatte sich als Lehrerin ein neues Leben aufgebaut — Jahre, die sie später in Büchern festhielt („Mit vorher nie gekanntem Mut"). 1964 zieht sie mit ihren Kindern ein, darunter Sohn Eckehard. Aus dieser Zeit wächst ein kleiner Reitbetrieb: die Wurzel des Reitguts, das Waitzrodt heute ist.
„Mit vorher nie gekanntem Mut."
- um 1975–77
Beinahe verloren, dann gerettet
Mitte der Siebziger liegt der Hof verwunschen da, die Mauern von Efeu überwachsen, unten nur noch zwei Traktoren und ein paar Pferde. Es gibt Pläne, große Teile abzureißen. Doch Waitzrodt ist das einzige Gut, das die Familie von Waitz je selbst gegründet hat — ihr eigentlicher Stammsitz. So entsteht der Wille, den Hof zu bewahren.
- seit 1978
Der Hof findet zu sich: die Familie Sommer
Die Familie Sommer übernimmt — und seither dreht sich auf Waitzrodt alles ums Pferd. Aus dem kleinen Reitbetrieb der Schafft-Jahre wächst über Jahrzehnte ein weit über die Region bekanntes Zentrum der Vielseitigkeit, des „Triathlons des Pferdesports".
- 1988–1995
Ursula Schafft hält ihr Leben fest
Die Frau, mit der 1964 das Reiten auf den Hof kam, verbringt ihre letzten Jahre auf Gut Waitzrodt und schreibt drei Bücher über ihr bewegtes Leben: „Mit vorher nie gekanntem Mut" (1988, Rowohlt), „Mein zweites Leben" (1990) und „Die andere Seite" (1995). 1998 stirbt sie auf dem Hof, der ihr zweites Leben geworden war.
„Mein zweites Leben."
- heute
Echt, nicht Kulisse
Heute ist Gut Waitzrodt ein Hof, durch den das Leben zieht: Kinder am Pony, Reiter im Gelände, Hunde über den Hofplatz, die Tiere des Projekts Reiterhof. Hier wird Therapie geritten und in der Weltspitze gestartet, geheiratet und gefeiert. Und weil hier echt ist, was Filme suchen, wurde Waitzrodt zu Ostwinds „Gut Kaltenbach".
Viele Familien haben diesen Hof geprägt — von Waitz, Bräutigam, Holt, Finkenstein, Köster, Schafft, Sommer — und unzählige Gäste. Genau deshalb fühlt er sich so lebendig an.
Diese Geschichte folgt zu großen Teilen der mündlichen Überlieferung der Familie. Einzelne Angaben sind ausdrücklich Vermutung und werden weiter belegt — das passt zum Charakter einer lebendigen, wachsenden Chronik.